Ehemalige Synagoge (1)

Wittlich, Stadt Wittlich Himmeroder Straße 44
Beschreibung
Von Jugendstilelementen geprägter Bau von 1910, größte in Rheinland-Pfalz erhaltene Synagoge, Innenraumarchitektur mit Dekoration rekonstruiert, heute Kultur- und Tagungsstätte.
(Deutsche Stiftung Denkmalschutz, 2003)

1910 von Kreisbaumeister Vienken, Wittlich errichtet. Nach den Verwüstungen von 1938 lange vernachlässigt und erst 1975 als Kulturzentrum wiederhergestellt.

> Aus der alten Synagoge, die bis zum Dezember 1975 eine halbe, wenn auch im Baukörper gut erhaltene Ruine war, wurde im März 1976 eine neue Kultur- und Tagungsstätte. Schon von außen zeigt sich dem Betrachter, dass der Wille zur Erhaltung des Bauwerks und seiner Eigenart maßgebend war. Das wuchtig und gedrungen wirkende Gebäude, dessen Baumassen nach oben zu streben scheinen, präsentiert sich in seiner Außenhaut fast genau so wie im Einweihungsjahr 1910.
Unter dem damaligen Kreisbaumeister Hans Vienken wurde der Bau 1909 begonnen und inrundeinjähriger Bauzeit vollendet. Die traditionell vorgegebene Synagogenanlage - ein rechtwinkliger Hauptraum für die Männer mit schmaler nach Osten gerichteter Nische als Aufbewahrungsort der Thora-Rollen und mit Emporen für die Frauen auf den anderen drei Seiten - wurde auf zeitgemäße Jugendstilweise in besonderer Anlehnung an den romanischen Baustil verwirklicht.
Die Ornament-Malereien im Halbrund des Ostraums, wo sich auf erhöhtem Fundament vor der Thora-Nische auch der Almemor mit der ewigen Lampe befand, das Pult, von dem aus die Thora verlesen wurde, atmen reinen Jugendstil-Geist.

Sie wurden anhand erhalten gebliebener Entwürfe und der verblassten Relikte mit großer Sorgfalt ebenso restauriert wie die Schmuckbänder an den übrigen Bauteilen im Innern.
Die Estrade im Ostraum ist jetzt zu einer kleinen Bühne geworden, mit belassener Thora-Nische. Das gemauerte Tor mit Stufen, das einst davor stand, hat der für die Bauarbeiten verantwortliche Architekt nach außen an die linke Seite der Fassade versetzt. Dort verdeckt es den notwendig gewordenen flachen Anbau, der Garderoben, Toiletten, Künstler-Aufenthaltsräume und die Heizungsanlage enthält und so angefügt wurde, dass die linken Außenmauern der Synagoge im Innern sichtbar blieben - eine sehr gelungene Lösung im Sinne höchstmöglicher Erhaltung und unumgänglicher funktioneller Umgestaltung.
Zu der neuen Funktion des alten Gottes- und Gemeindehauses wird es vor allem gehören, Kammermusikabende, Kunstausstellungen, Studio-Theateraufführungen, Liederabende, literarische und Vortragsveranstaltungen einen würdigen Rahmen zu geben, aber auch Tagungen und Schulungen. Ein Tagungsraum oben in der Synagoge mit neu geschaffenen schmalen Fenstern erweitert dabei das Platzangebot.
Die Synagoge war 1909 / 10 für rund 250 Mitglieder der relativ großen jüdischen Gemeinde in Wittlich errichtet worden; die neue Bestuhlung hat ungefähr die gleiche Größenordnung.
Während an der Eröffnung - wie aus zeitgenössischen Berichten hervorgeht - die ganze Stadt regen Anteil nahm, sah das Bild 28 Jahre später völlig anders aus. In der Kristallnacht am 9. November 1938 wurde der Innenraum zerstört.
Das erhalten gebliebene Gebäude diente während des Krieges als Lager für Kriegsgefangene - daher der Stacheldraht, der in eines der Rundfenster eingeschmolzen ist; dann stand es 30 Jahre lang leer, mit zerschlagenen Fenstern und Schutt im Innern, dem Verfall preisgegeben.
1973 nahm der damalige Bürgermeister Karl-Adolf Orth erste Gespräche mit der Jüdischen Kultusgemeinde auf, um über das weitere Schicksal des seltenen und in diesem Raum wohl einzigartigen Gebäudes zu beraten. Sie führten zwei Jahre später zum Erwerb des Gebäudes durch die Stadt Wittlich und zu dem Plan, aus der Synagoge eine Kultur- und Tagungsstätte zu machen, die Wiederherstellung des architektonisch erhaltenswerten und für die Stadtgeschichte bedeutsamen Baues mit einer neuen Nutzung zu verbinden. Gestützt auf finanzielle Zusagen von Land und Bund wurde noch im Dezember 1975, dem Jahr des Denkmalschutzes, mit den ersten Arbeiten begonnen. Eine Million DM schossen Bund und Land bei, 300.000,00 DM die Stadt.
Jetzt kann das restaurierte Gebäude einer neuen Zukunft entgegensehen und dabei zugleich - als Denk- und Mahnmal an das Schicksal der jüdischen Gemeinde Wittlichs erinnern.
Auf einer Gedenktafel in der einstigen Thora-Nische stehen auf hebräisch die Worte:

Denke, Gott, der Seelen der Gerechten der Gemeinde Wittlich, die ihr Leben opferten für die Heiligkeit Gottes,

und auf deutsch:

Die Wittlicher Synagoge, errichtet im Jahre 1910, war das geistige Zentrum einer blühenden jüdischen Gemeinde.
Den Opfern nationalsozialistischer Verfolgung aus Wittlich 1933 bis 1945 zum Gedenken. Den Lebenden zur Mahnung.

Einordnung
Ersteller, Baumeister, Architekt, Künstler:
Vienken, Johannes (Kreisbaumeister), Wittlich.
Kategorie:
Bau- und Kunstdenkmale / Sakralbauten / Synagogen
Zeit:
1910
Epoche:
Historismus / Jugendstil

Lage
Geographische Koordinaten (WGS 1984) in Dezimalgrad:
lon: 6.885864
lat: 49.988120
Lagequalität der Koordinaten: Genau
Flurname: Vor der Hemmerather Pforte

Internet
http://www.wittlich.de/

Datenquellen
Kremb/Lautzas: Landesgeschichtlicher Exkursionsführer Rheinland-Pfalz, Bd.2, 1991; Verlag Arbogast, 6756 Otterbach und Gedenkstein für die jüdischen Gemeinden in Yad Vasem/Israel

Bildquellen
Bild 1: © Siegfried Haack, Trier, 2019. http://www.siegfried-haack.de/
Bild 2: Internet
Bild 3: © Willi Körtels

Stand
Letzte Bearbeitung: 24.03.2019
Interne ID: 109
ObjektURL: https://kulturdb.de/einobjekt.php?id=109
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