Ehemaliges Arbeitslager für Zwangsarbeiter

Greimerath, Gemeinde Greimerath (Bernkastel-Wittlich)
Beschreibung
Greimerath bei Wittlich (Baustelle Hasborn)/Bez. Trier
mind. Anfang September 1941 – ?
mind. 34 luxemburgische Juden
Fa. Chr. Krutwig; Arbeit an der Autobahn

[Quelle: BA Koblenz, R 65 I GIS, Nr. 52, Bl. 6: Schreiben Lagerführer vom 13. 9. 1941; ebenda Bl. 8: Liste der am 4. 9. 1941 zur Reichsautobahn überwiesenen Juden; ebenda, Bl. 9: Liste der am 17. 9. 1941 zur Reichsautobahn vermittelten Juden.]


Die folgenden Ausführungen sollen nicht nur ein bisher vergessenes Kapitel der Judenverfolgung in Deutschland ins Bewußtsein heben, sondern auch als Anregung für Lokalhistoriker, Gedenkstättenmitarbeiter oder Interessierte in den Schulen für neue Recherchen zu einzelnen hier nachgewiesenen oder bisher unbekannten Lagern, zu Tätern und Opfern dieses Zwangseinsatzes dienen.

Statt der Reichsarbeitsverwaltung, die den Zwangseinsatz deutscher Juden seit 1939 organisierte, bedrängte der Generalinspektor für das Deutsche Straßenwesen, Fritz Todt, das Reichssicherheitshauptamt Anfang Oktober 1940 wegen rascher Versorgung kriegswichtiger Autobahnbaustellen mit der Frage nach Arbeitskräften. Offensichtlich versprach er sich von diesem Ansprechpartner einen rascheren und reibungsloseren Erfolg als beim Gang über den streng regulierten Arbeitsmarkt. Im Gegensatz zur Situation im Generalgouvernement war der Einfluß der SS auf den jüdischen Zwangseinsatz im Altreich aber begrenzt geblieben. Infolge des Ansinnens des Generalinspektors mischte sich das RSHA erstmals in das bisher von den Arbeitsämtern autonom durchgeführte Einsatzprogramm ein. Aufgrund des bereits flächendeckend pratizierten Zwangseinsatzes deutscher Juden konnte die "Reichsvereinigung" Mitte Oktober, als sie auf Weisung des RSHA binnen fünf Tagen 10000 jüdische Männer für den Autobahnbau stellen sollte, nur mit enttäuschenden Resultaten aufwarten. Infolge des Scheiterns der Sonderaktion gab der Chef der Sipo und des SD schließlich am 1. November 1940 die Ausnahmeerlaubnis nichtdeutsche Juden zum Zwangseinsatz ins Altreich zu holen.

Über den nun in einem ersten Überblick vorzustellenden Zwangseinsatz Tausender polnischer Juden in Deutschland, der von der Reichsautobahnbehörde verantwortet wurde und insgesamt zweieinhalb Jahre dauerte, ist bisher ebensowenig bekannt, wie über das eigens hierfür entwickelte Lagersystem. Die ersten 1300 Juden vermittelte die Ghettoverwaltung Litzmannstadt Ende Dezember 1940 zur Strecke Frankfurt/Oder – Posen. Die Oberste Bauleitung der Reichsautobahnen Berlin richtete die notwendigen Lager ein und bewirtschaftete diese. Im Januar 1941 legte die Oberste Bauleitung Berlin für den Einsatz polnischer Juden an der Strecke Frankfurt/Oder – Posen fest, daß diese in geschlossenen und umzäunten Wohnlagern untergebracht, deren Bewachung von der zuständigen Polizei- bzw. Gestapodienststelle geregelt werde. Neben Steuerabzügen und "sozialen Lasten" waren täglich zwei Reichsmark für Verpflegung, Unterkunft und Lagerunterhaltung abzuführen. Nach weiteren Abzügen für das Lager und Überweisung an das Ghetto-Konto bei der Stadtsparkasse in Litzmannstadt blieben den jüdischen Zwangsarbeitern gerade noch zehn Pfennig Lohn pro Tag.

Die in Deutschland bei der Autobahn zwangsbeschäftigten polnischen Juden waren damit aus dem im Deutschen Reich geltenden Arbeitsrecht völlig ausgeklammert, obwohl ihr Einsatz offensichtlich von der Arbeitsverwaltung kontrolliert und gesteuert wurde. Die Bedingungen, unter denen sie für die Reichsautobahnbehörde Zwangsarbeit in Deutschland leisteten, waren ungleich repressiver als jene, unter denen die deutschen Juden im "Geschlossenen Arbeitseinsatz" beschäftigt wurden, die unter Zwang, aber in der Regel mit individuellen Arbeitsverträgen und bei Hilfsarbeiterlöhnen eingesetzt wurden.

Die Bauleitungen der Reichsautobahnen verlangten aber nach immer mehr Arbeitskräften. Ideologische Ressentiments gegen den Zwangseinsatz "fremdvölkischer" Arbeitskräfte wollte sich die NS-Führung in der Phase der unmittelbaren Vorbereitung auf den Krieg mit der Sowjetunion ökonomisch nicht mehr erlauben, weshalb Göring am 18. Februar 1941 alle Verantwortlichen im NS-Staat zu einer zeitweilig pragmatischen Arbeitsmarktpolitik aufforderte. Ungeachtet dieser Kursänderung scheiterte ein im gleichen Monat 1941 vom Reichsstatthalter in Posen, Greiser, und dem Reichsarbeitsministerium entwickeltes Großprojekt, mit dem weitere 73000 polnische Juden aus dem Warthegau ins Altreich geholt werden sollten. Neben Rüstungsunternehmen sollten hierdurch auch die Reichsautobahn-Direktion Frankfurt-Oder mit 1000 und die Reichsautobahn-Direktion in Danzig mit 7000 polnisch-jüdischen Zwangsarbeitern zusätzlich versorgt werden. Doch dieser Plan war sicher nicht zuletzt wegen seiner Dimension – eine Realisierung hätte einen Zuwachs von Juden im Altreich um ca. 40 Prozent bedeutet – auf lebhaften Widerspruch vor allem beim Reichssicherheitshauptamt gestoßen. Hitler verbot dann persönlich, "Juden aus dem Generalgouvernement und dem Warthegau" im Altreich einzusetzen.

Ungeachtet der klaren Weisung Hitlers beschäftigten die Obersten Bauleitungen der Reichsautobahnen im Mai 1941 auf den kriegswichtigen Abschnitten (Stettin – Danzig, Frankfurt/Oder – Posen – Litzmannstadt und Breslau – Krakau) schon mehr als 7000 Juden; große Teile aller drei Strecken befanden sich auf Altreichsterritorium. Der Einsatz der jüdischen Zwangsarbeiter war überregional organisiert, lokale Stellen hatten keinen Zugriff auf diese Kräfte. Jüdische Zwangsarbeiter stellten im Spätherbst 1941 bereits über die Hälfte des Baupersonals der Obersten Bauleitung Berlin und je knapp ein Drittel bei den Obersten Bauleitungen Breslau und Danzig. Im Westen Deutschlands gab es dagegen nur im Bereich der Obersten Bauleitung Köln ein erwähnenswertes Kontingent luxemburgischer Juden.

Außer für den Autobahnbau wurden auch Werkslager mit meist polnisch-jüdischen Arbeitskräften für Industriefirmen im Altreich, bevorzugt in Brandenburg, errichtet. In solche Lager, die vor allem 1942 entstanden, war auch ein Teil der jüdischen Insassen aus den Autobahnlagern gebracht worden, als die Mehrheit dieser Lager im Laufe des Jahres 1942 geschlossen wurde, weil nach der Niederlage der deutschen Armee vor Moskau auf höchsten Befehl sämtliche Arbeitskräfte direkt in die Rüstungsproduktion eingegliedert werden sollten. Die Eröffnung eines "Judenlagers" Ende Februar 1942 für den Bau einer Hefefabrik der Phrix-Werke AG Wittenberge gehört exakt in diesen Kontext. Dem Unternehmenschef hatte Oswald Pohl, Chef des SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamtes, persönlich das Versprechen über eine Bereitstellung von 300 bis 500 polnischen Juden sowie 150 KZ-Häftlingen gegeben. Diese durften ihr vom Werkschutz bewachtes Lager nicht verlassen. Zugeschicktes Geld, Lebensmittel und Kleidung wurden nicht an die Empfänger ausgegeben. Essensentzug wollte die Firma wegen Leistungsabfall zwar vermeiden, laut interner Dienstanweisung für den »Judeneinsatz« sollte aber gegen die Zwangsarbeiter mit äußerster Strenge und auch mit körperlichen Züchtigungen vorgegangen werden. Von 300 polnischen Juden starben zwölf, bis zum Sommer schickte das Werk 160 völlig erschöpfte Zwangsarbeiter zurück.

Als nach den anderthalbjährigen Deportationen die Transporte aus dem Altreich ihren letzten Höhepunkt im Februar/März 1943 erreichten, wurden die "Judenlager" zunächst auf dem Papier ausgenommen. Im Erlaß zur berüchtigten Fabrik-Aktion, die sich besonders gegen Zwangsarbeiter richtete, hieß es: "Auch die in verschiedenen Betrieben [...] geschlossen eingesetzten polnischen Juden, die jeweils in geschlossenen Lagern untergebracht sind, dürfen hierbei nicht erfaßt werden." Wurde dies bereits für die Lager mit deutschen Juden nicht konsequent eingehalten, so löste man bald auch die Lager für polnische Juden auf oder gliederte diese als Außenlager dem Konzentrationslagersystem an. Zur endgültigen Beendigung dieses mehrjährigen Zwangsarbeitskapitels befahl Himmler bis zum 30. Juni 1943 auch die letzten "lagermäßig untergebrachten Juden (einschließlich der seinerzeit zum geschlossenen Arbeitseinsatz in das Altreich verbrachten Juden ehemals polnischer Staatsangehörigkeit)" aus dem Reichsgebiet "nach dem Osten bzw. nach Theresienstadt abzubefördern."

[Wolf Gruner: Die Arbeitslager für den Zwangseinsatz deutscher und nichtdeutscher Juden im Dritten Reich. http://www.gedenkstaettenforum.de/nc/gedenkstaetten-rundbrief/rundbrief/news/die_arbeitslager_fuer_den_zwangseinsatz_deutscher_und_nichtdeutscher_juden_im_dritten_reich-1/]

Einordnung
Ersteller, Baumeister, Architekt, Künstler:
Reichsautobahnbehörde
Kategorie:
Geschichte / Rechtsdenkmale / Gefängnisse
Zeit:
1941
Epoche:
20. Jahrhundert

Lage
Geographische Koordinaten (WGS 1984) in Dezimalgrad:
lon: 6.915763
lat: 50.031968
Lagequalität der Koordinaten: Vermutlich
Flurname: Aufm Büsch

Internet
http://www.greimerath.de/

Datenquellen
Wolf Gruner: Die Arbeitslager für den Zwangseinsatz deutscher und nichtdeutscher Juden im Dritten Reich
http://www.gedenkstaettenforum.de/nc/gedenkstaetten-rundbrief/rundbrief/news/die_arbeitslager_fuer_den_zwangseinsatz_deutscher_und_nichtdeutscher_juden_im_dritten_reich-1/


Stand
Letzte Bearbeitung: 02.09.2012
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